Langer Covid tritt bei Frauen deutlich häufiger auf
Während die akute Phase einer Covid-19-Erkrankung bei Männern im Allgemeinen schwerer verläuft, gibt es einen Bereich, in dem die Statistiken eine völlig andere Sprache sprechen. Long Covid betrifft Frauen deutlich häufiger als Männer – und diese Tatsache wartet noch immer auf eine eindeutige wissenschaftliche Erklärung. Für Millionen von Frauen weltweit ist das jedoch keine abstrakte Frage. Es ist ein tägliches Leben voller Erschöpfung, Gehirnnebel, Schmerzen und der Ungewissheit, ob sie jemals in ihr normales Leben zurückkehren werden.
Stellen Sie sich eine dreißigjährige Lehrerin vor, die Covid scheinbar ohne größere Probleme überstanden hat – sie blieb zwei Wochen zu Hause und kehrte dann zur Arbeit zurück. Doch drei Monate später schafft sie es immer noch nicht, ein ganzes Stockwerk der Schule zu durchqueren, ohne anhalten und nach Luft schnappen zu müssen. Sie vergisst die Namen von Schülern, die sie seit Jahren unterrichtet. Sie schläft mitten am Nachmittag ein, obwohl sie nachts acht Stunden geschlafen hat. Die Ärzte finden nichts Konkretes. Dabei weiß sie, dass etwas nicht stimmt. Geschichten wie diese wiederholen sich auf der ganzen Welt, und die Statistiken zeigen, dass dahinter deutlich mehr Frauen als Männer stecken.
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Was ist Long Covid eigentlich und wie äußert er sich?
Die Weltgesundheitsorganisation definiert Long Covid als einen Zustand, bei dem Symptome länger als zwölf Wochen nach der akuten Infektion anhalten und nicht durch eine andere Erkrankung erklärt werden können. Das Spektrum der Symptome ist dabei außerordentlich breit – von chronischer Erschöpfung und Kurzatmigkeit über den sogenannten Gehirnnebel, Gelenkschmerzen, Schlafstörungen, Herzrasen bis hin zum Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn, der manchmal monatelang oder jahrelang anhält. Gerade diese Vielfalt der Symptome erschwerte lange die wissenschaftliche Erfassung dieses Phänomens und führte dazu, dass viele Patienten – insbesondere Frauen – mit der Aussage abgespeist wurden, sie würden sich alles „einbilden" oder es handle sich um Angststörungen.
Daten des britischen Office for National Statistics zeigen wiederholt, dass etwa 60 % der Menschen mit Long Covid Frauen sind. Ähnliche Ergebnisse liefern Studien aus den USA, Deutschland und Skandinavien. Es handelt sich also nicht um eine Ausnahme oder einen statistischen Zufall – es ist ein konsistentes Muster, das Wissenschaftler über verschiedene Kulturen, Altersgruppen und sozioökonomische Schichten hinweg beobachten.
Interessant dabei ist, dass die am stärksten betroffene Gruppe nicht ältere Frauen mit Begleiterkrankungen sind, wie man vielleicht erwarten würde. Forschungen zeigen wiederholt, dass Long Covid am häufigsten Frauen im Alter von 35 bis 55 Jahren betrifft – also im produktiven Alter, das mit Karriere, Elternschaft und einem hohen Maß an Verantwortung verbunden ist. Gerade diese Gruppe wird im medizinischen System historisch gesehen unterschätzt, wie Caroline Criado Perez in ihrem Buch Invisible Women darauf hinweist, in dem sie dokumentiert, wie die medizinische Forschung den weiblichen Körper systematisch vernachlässigt.
Biologische und hormonelle Faktoren spielen eine Schlüsselrolle
Warum sind Frauen also anfälliger für die Entwicklung von Long Covid? Die Antwort liegt wahrscheinlich nicht in einem einzigen Faktor, sondern im komplexen Zusammenspiel biologischer, immunologischer und sozialer Ursachen. Das weibliche Immunsystem unterscheidet sich grundlegend vom männlichen – Frauen haben im Allgemeinen eine stärkere Immunantwort, was sie vor vielen Infektionen schützt, sie aber gleichzeitig anfälliger für Autoimmunerkrankungen macht. Und genau Autoimmunprozesse scheinen einer der Schlüsselmechanismen bei Long Covid zu sein.
Wissenschaftler des Karolinska Institutet in Stockholm veröffentlichten Forschungsergebnisse, die darauf hindeuten, dass bei einem Teil der Long-Covid-Patienten Autoantikörper gebildet werden – also Antikörper, die das eigene Körpergewebe angreifen. Frauen sind dabei generell anfälliger für Autoimmunreaktionen: Etwa 80 % aller Autoimmunerkrankungen betreffen Frauen, wobei Geschlechtshormone, insbesondere Östrogen, eine Schlüsselrolle spielen. Östrogen kann die Immunreaktion verstärken und zu einer anhaltenden Entzündungsreaktion beitragen, die für Long Covid typisch ist.
Ein weiterer Faktor sind Mikrobiom und Hormonschwankungen. Das Darmmicrobiom, das eine wesentliche Rolle bei der Regulierung des Immunsystems spielt, unterscheidet sich bei Frauen und Männern – und Forschungen zeigen, dass es bei Patienten mit Long Covid deutlich gestört ist. Der Menstruationszyklus bewirkt zudem, dass die Symptome von Long Covid bei vielen Frauen je nach Zyklusphase schwanken, was auf einen direkten Zusammenhang zwischen Geschlechtshormonen und dem Krankheitsverlauf hindeutet. Viele Frauen berichten auch über eine Verschlimmerung der Symptome in der Perimenopause oder nach der Geburt – also in Zeiten erheblicher hormoneller Veränderungen.
Dabei darf auch die Rolle der Reaktivierung latenter Viren nicht außer Acht gelassen werden. Ein Forscherteam der Harvard University stellte fest, dass bei einem Teil der Long-Covid-Patienten eine Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus stattfindet, der die infektiöse Mononukleose verursacht und nach der Erkrankung in latenter Form im Körper verbleibt. Frauen zeigen dabei generell eine stärkere immunologische Erinnerung an dieses Virus, was zu einer intensiveren Reaktivierung und anhaltenden Symptomen beitragen kann.
Zu den biologischen Faktoren kommen soziale Faktoren hinzu, die in Fachdebatten oft vernachlässigt werden. Frauen trugen während der Pandemie eine deutlich höhere Pflegelast – sie kümmerten sich um Kinder bei Schulschließungen, pflegten kranke Angehörige, bewältigten den Haushalt und arbeiteten gleichzeitig im Homeoffice oder an vorderster Front. Krankenschwestern, Pflegekräfte, Lehrerinnen, Verkäuferinnen – Berufe mit einem hohen Frauenanteil waren wiederholt und über längere Zeiträume mit dem Virus in Kontakt.
Chronischer Stress und Erschöpfung haben nachweislich Auswirkungen auf das Immunsystem. Kortisol, das Stresshormon, stört bei dauerhafter Erhöhung die Immunregulation und kann zu anhaltenden Entzündungen beitragen. Es ist daher möglich, dass bei Frauen, die die Infektion bereits mit einem geschwächten und überlasteten Immunsystem begannen, die Grundlage für die Entwicklung von Long Covid noch vor der eigentlichen Infektion gelegt war.
Es gibt aber noch eine Dimension, über die nicht laut genug gesprochen wird: Frauen werden im medizinischen System historisch gesehen weniger ernst genommen. Forschungen zeigen wiederholt, dass Frauen im Durchschnitt länger auf eine Diagnose chronischer Erkrankungen warten müssen, häufiger an die Psychiatrie statt an die Innere Medizin verwiesen werden und ihre Schmerzen systematisch unterschätzt werden. Im Kontext von Long Covid bedeutet das, dass viele Frauen nicht nur leiden, sondern auch darum kämpfen müssen, dass ihnen jemand glaubt. Diese sekundäre Belastung – die Notwendigkeit zu beweisen, dass man krank ist – verstärkt den Stress und verlangsamt die Genesung.
Die Forscherin Maya Dusenbery hat dieses Thema ausführlich in ihrem Buch Doing Harm aufgearbeitet, in dem sie beschreibt, wie die Medizin über Jahrhunderte weibliche Symptome als psychosomatisch oder als Hysterie abgetan hat. Long Covid offenbart in diesem Sinne ein strukturelles Problem, das die Pandemie lediglich sichtbar gemacht hat.
Der Weg zur Genesung: Was wirklich hilft?
Obwohl es keine universelle Behandlung für Long Covid gibt, hat die Forschung in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Experten betonen heute, dass ein individualisierter Ansatz der Schlüssel ist, der den allgemeinen Gesundheitszustand, die Hormonsituation und den Lebenskontext jeder Patientin berücksichtigt. Eine der wichtigsten Empfehlungen ist das sogenannte Pacing – das bewusste Einteilen der Energie, um das Überschreiten des individuellen Energielimits zu vermeiden, das zu einer deutlichen Verschlimmerung der Symptome führt.
Forschungen zeigen auch, dass folgendes hilfreich sein kann:
- Entzündungshemmende Ernährung, reich an Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien und fermentierten Lebensmitteln zur Unterstützung des Darmmikrobioms
- Sanfte Bewegung wie Yoga oder Tai-Chi, die das Nervensystem ohne übermäßige Belastung unterstützt
- Schlafförderung und Regulierung des zirkadianen Rhythmus, der bei Long-Covid-Patienten erheblich gestört ist
- Psychologische Unterstützung, nicht als Ersatz für körperliche Behandlung, sondern als Teil einer umfassenden Versorgung
- Hormonelle Untersuchungen, insbesondere bei Frauen in der Perimenopause, bei denen eine Hormonersatztherapie überlappende Symptome lindern kann
Wichtig ist auch das Umfeld, in dem eine Frau sich erholt. Arbeitsplätze mit flexiblen Arbeitszeiten, verständnisvolle Partner und Familie sowie der Zugang zu Fachversorgung ohne unnötige Verzögerungen – all das sind Faktoren, die den Genesungsverlauf maßgeblich beeinflussen. Isolation und das Gefühl, nicht verstanden zu werden, bremsen die Genesung hingegen.
Weltweit entstehen nach und nach spezialisierte Long-Covid-Zentren, die einen multidisziplinären Ansatz anbieten. In Tschechien befindet sich dieser Bereich noch in der Entwicklung, aber erste spezialisierte Ambulanzen entstehen an größeren Krankenhäusern. Patientinnen, die Unterstützung suchen, können auch von Online-Communities und Selbsthilfegruppen profitieren, in denen Erfahrungen und Informationen über wirksame Ansätze ausgetauscht werden.
Einer der wichtigsten Schritte, den Frauen mit Long-Covid-Symptomen unternehmen können, ist, sich nicht abspeisen zu lassen. Wenn der erste Arzt keine Ursache für die Beschwerden findet, lohnt es sich, einen Spezialisten aufzusuchen – einen Kardiologen, Immunologen, Neurologen oder Endokrinologen – und auf einer umfassenden Untersuchung zu bestehen. Long Covid ist eine reale Erkrankung mit messbaren biologischen Markern, und keine Patientin bildet sich ihre Symptome ein.
Die Covid-19-Pandemie wird langfristige Spuren in der Bevölkerung hinterlassen, die wir erst noch vollständig verstehen werden. Was Long Covid über die Gesundheit von Frauen, die Funktionsweise des Immunsystems und die tiefen Ungleichheiten in der Medizin offenbart, ist jedoch möglicherweise einer der wichtigsten Impulse dafür, dass Wissenschaft und Gesundheitssystem beginnen, den weiblichen Körper mit größerer Aufmerksamkeit und Respekt zu betrachten. Millionen von Frauen haben das verdient – und viele von ihnen warten schon viel zu lange darauf.