Pots-Syndrom ist nicht nur Schwindel beim Aufstehen
Jeder kennt es – man steht schnell aus dem Sessel oder aus dem Bett auf, und für einen Moment dreht sich alles. Meistens dauert es nur eine oder zwei Sekunden, dann ist alles wieder in Ordnung. Aber was, wenn dieser Schwindel beim Aufstehen nicht vergeht? Was, wenn er von Herzrasen, verschwommenem Sehen, extremer Müdigkeit und dem Gefühl begleitet wird, jeden Moment ohnmächtig zu werden? Für Tausende von Menschen – und statistisch gesehen handelt es sich am häufigsten um junge Frauen – ist dieses Szenario tägliche Realität. Dahinter steckt ein Zustand namens POTS-Syndrom, also posturale orthostatische Tachykardie.
Das POTS-Syndrom gehört zu jenen heimtückischen Erkrankungen, die lange übersehen, verharmlost oder mit Angststörungen, Anämie oder schlichtem Schlafmangel verwechselt werden. Der Weg zur Diagnose dauert im Durchschnitt mehrere Jahre, wobei die Patienten in der Zwischenzeit eine ganze Reihe von Spezialisten aufsuchen und ohne klare Antwort nach Hause gehen. Dennoch handelt es sich um einen recht verbreiteten Zustand – Schätzungen zufolge leiden allein in den Vereinigten Staaten etwa ein bis drei Millionen Menschen daran, wobei Dysautonomia International angibt, dass bis zu 80 % der diagnostizierten Patienten Frauen im Alter zwischen 15 und 50 Jahren sind.
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Was im Körper beim POTS-Syndrom eigentlich passiert
Um zu verstehen, warum der Schwindel beim Aufstehen beim POTS-Syndrom keine „gewöhnliche Benommenheit" ist, muss man einen Moment dabei verweilen, wie ein gesunder Körper auf einen Lagewechsel reagiert. Wenn ein gesunder Mensch aufsteht, reagiert das autonome Nervensystem sofort – die Blutgefäße im unteren Körperbereich ziehen sich zusammen, um zu verhindern, dass die Schwerkraft zu viel Blut in die Beine und den Bauch „zieht", und das Herz schlägt etwas schneller, um eine ausreichende Blutversorgung des Gehirns aufrechtzuerhalten. Dieser gesamte Prozess läuft innerhalb weniger Sekunden ab, und der Mensch bemerkt ihn überhaupt nicht.
Bei Menschen mit POTS-Syndrom funktioniert dieser Mechanismus nicht richtig. Wenn sie aufstehen, sammelt sich Blut in den unteren Körperpartien, und das Gehirn bekommt weniger Sauerstoff, als es benötigt. Der Körper versucht dies durch eine drastische Beschleunigung des Herzschlags zu kompensieren – um mehr als 30 Schläge pro Minute innerhalb der ersten zehn Minuten im Stehen, bei jüngeren Patienten sogar um mehr als 40 Schläge pro Minute. Diese pathologische Beschleunigung des Herzens ohne entsprechenden Anstieg des Blutdrucks ist das grundlegende diagnostische Merkmal des POTS-Syndroms. Das Ergebnis sind Schwindel, Herzrasen, Schwäche, Ohnmachtsgefühl und eine ganze Reihe weiterer Symptome, die wirklich erschöpfend sein können.
Hinter diesem Regulationsversagen steckt eine Dysfunktion des autonomen Nervensystems – jenes Teils des Nervensystems, der unwillkürliche Körperfunktionen wie Atmung, Verdauung oder eben die Regulierung von Blutdruck und Herzfrequenz steuert. Das POTS-Syndrom gehört damit zur breiteren Gruppe von Erkrankungen, die als Dysautonomie bezeichnet werden. Die genauen Ursachen sind nicht immer klar, aber Wissenschaftler haben mehrere Faktoren identifiziert, die eine Rolle spielen können: genetische Veranlagung, Autoimmunprozesse, vorausgegangene Virusinfektionen (was im Zusammenhang mit Long COVID zu einem sehr aktuellen Thema geworden ist), durchgemachte Traumata oder Operationen, aber auch Schwangerschaft.
Die Symptome beschränken sich dabei nicht nur auf Schwindel beim Aufstehen. Menschen mit POTS-Syndrom beschreiben chronische Müdigkeit, die auf Ruhe nicht anspricht, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme (sogenannter Brain Fog oder Gehirnnebel), Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafstörungen, Überempfindlichkeit gegenüber Wärme und nicht zuletzt auch Angst. Gerade diese Angst ist dabei paradox – Ärzte betrachten sie manchmal fälschlicherweise als Ursache der Beschwerden, während sie in Wirklichkeit deren Folge ist. Herzrasen und Schwindel lösen logischerweise Angst aus, nicht umgekehrt.
Warum das POTS-Syndrom vor allem junge Frauen betrifft
Die Frage, warum junge Frauen so deutlich stärker betroffen sind als Männer, ist faszinierend und noch nicht vollständig beantwortet. Forscher kommen mit mehreren Hypothesen, die sich wahrscheinlich gegenseitig ergänzen.
Einer der Schlüsselfaktoren sind Geschlechtshormone, insbesondere Östrogen und Progesteron. Diese Hormone beeinflussen den Gefäßtonus, die Flüssigkeitsregulation im Körper sowie die Funktion des autonomen Nervensystems. Viele Frauen mit POTS-Syndrom berichten von einer Verschlechterung der Symptome in bestimmten Phasen des Menstruationszyklus, während der Schwangerschaft oder umgekehrt nach der Geburt. Östrogen kann die Fähigkeit der Blutgefäße verringern, sich als Reaktion auf einen Lagewechsel richtig zusammenzuziehen, was zur Blutansammlung in den unteren Extremitäten beiträgt.
Ein weiterer Faktor ist die Anatomie. Frauen haben generell ein geringeres Gesamtblutvolumen und ein kleineres Herz im Verhältnis zur Körpergröße. Das bedeutet, dass jede Schwankung in der Blutverteilung größere Auswirkungen auf sie hat als auf Männer. Im Fachjournal Journal of the American College of Cardiology veröffentlichte Studien deuten zudem darauf hin, dass Frauen eine andere Reaktivität des autonomen Nervensystems haben können, was sie generell anfälliger für Dysautonomie machen könnte.
Nicht zu übersehen ist auch die Tatsache, dass sich das POTS-Syndrom sehr häufig in der Pubertät oder kurz danach entwickelt – also in einem Zeitraum, in dem es zu grundlegenden hormonellen Veränderungen kommt und der Körper ein rasches Wachstum durchläuft. Manchmal genügt eine relativ kurze Erkrankung, Stress oder eine Operation, um bei einem genetisch veranlagten Mädchen eine ganze Kette von Symptomen auszulösen.
Es ist eine traurige Wahrheit, dass Erkrankungen, die überwiegend Frauen betreffen – insbesondere junge Frauen – historisch weniger finanziert und weniger erforscht werden. Wie Dr. Svetlana Blitshteyn, eine führende amerikanische Neurologin, die sich auf Dysautonomie spezialisiert hat, anmerkte: „Patienten mit POTS werden allzu oft als ängstlich oder hysterisch abgestempelt, anstatt eine angemessene medizinische Versorgung zu erhalten." Diese systemische Voreingenommenheit führt dazu, dass die durchschnittliche Zeit von den ersten Symptomen bis zur Diagnose bei etwa vier bis sechs Jahren liegt – was für junge Frauen im produktivsten Alter absolut verheerend ist.
Man stelle sich zum Beispiel eine achtzehnjährige Studentin vor, die sich im Sommer vor dem Beginn ihres Studiums unerklärlich müde zu fühlen beginnt, beim Aufstehen aus dem Bett schwindelig wird und ihr Herz so stark rast, dass sie einen Moment warten muss, bevor sie zur Toilette gehen kann. Die Ärzte schließen zunächst Anämie aus, dann die Schilddrüse, dann schicken sie sie zum Psychiater. Es dauert Jahre, bis jemand das Wort POTS ausspricht. In der Zwischenzeit verpasst sie das Abitur, verpasst die Aufnahmeprüfungen, verliert ihr soziales Leben. Diese Geschichte ist leider keine Ausnahme – sie ist typisch.
Wie das POTS-Syndrom diagnostiziert und behandelt wird
Die Diagnose des POTS-Syndroms erfordert den sogenannten Kipptischtest. Der Patient liegt angeschnallt auf einem speziellen Tisch, der langsam in eine aufrechte Position gekippt wird, während kontinuierlich Herzfrequenz und Blutdruck gemessen werden. Kommt es zu einem deutlichen Anstieg der Herzfrequenz ohne entsprechenden Blutdruckabfall, ist die Diagnose bestätigt. Alternativ kann ein einfacherer sogenannter aktiver Orthostasetest direkt in der Praxis durchgeführt werden.
Die Behandlung des POTS-Syndroms ist komplex und sehr individuell, da sich Ursachen und Ausprägungen von Patient zu Patient unterscheiden. Es gibt keine universelle Lösung, aber eine Kombination von Ansätzen kann die Lebensqualität deutlich verbessern. Allgemein empfohlene Maßnahmen umfassen:
- Erhöhte Flüssigkeits- und Salzaufnahme – hilft, das zirkulierende Blutvolumen zu vergrößern und den Blutdruck zu stabilisieren
- Kompressionsstrümpfe oder -leggings – verhindern mechanisch die Blutansammlung in den unteren Extremitäten
- Schrittweises Training – insbesondere in horizontaler Lage (Schwimmen, Rudern, Liegeübungen), das das Herz-Kreislauf-System stärkt, ohne das Risiko einer Symptomverschlechterung
- Ernährungsanpassung – kleinere und häufigere Mahlzeiten, Einschränkung einfacher Zucker, ausreichend Elektrolyte
- Pharmakologische Behandlung – Ärzte können je nach dem spezifischen POTS-Mechanismus verschiedene Medikamente verschreiben, zum Beispiel Betablocker, Fludrokortison oder Midodrin
Ein wichtiger Bestandteil der Versorgung ist auch psychologische Unterstützung, da das Leben mit einer chronischen Erkrankung, die nach außen hin nicht sichtbar ist, psychisch sehr belastend ist. Patienten mit POTS-Syndrom stoßen auf Unverständnis im Umfeld, manchmal auch bei der Familie oder dem Arbeitgeber, weil sie äußerlich gesund wirken.
Große Hoffnung bringt das wachsende Interesse der wissenschaftlichen Gemeinschaft an der Dysautonomie im Kontext von Long COVID. Viele Patienten nach COVID-19 entwickelten Symptome, die dem POTS-Syndrom sehr ähnlich sind, was zu einem deutlichen Anstieg der Forschungsfinanzierung und zu einem größeren Bewusstsein bei Ärzten geführt hat. Organisationen wie Dysautonomia International oder tschechische Patientengemeinschaften helfen Menschen dabei, sich im System zurechtzufinden, Erfahrungen auszutauschen und Spezialisten zu finden, die das POTS-Syndrom kennen und behandeln.
Schwindel beim Aufstehen muss nicht nur eine harmlose Kleinigkeit sein. Wenn er anhält, von schnellem Herzrasen, Müdigkeit oder Brain Fog begleitet wird und Sie schon lange plagt, ist es definitiv angebracht, einen Arzt aufzusuchen und die Möglichkeit eines POTS-Syndroms anzusprechen. Je früher der Zustand diagnostiziert wird, desto früher kann mit der Behandlung begonnen werden und desto größer ist die Chance, ins volle Leben zurückzukehren. Junge Frauen, die mit diesen Symptomen zu kämpfen haben, sollten nicht mit den Worten „das sind Nerven" oder „das geht vorbei" abgetan werden – sie verdienen es, gehört und richtig untersucht zu werden.