# Was verbergen endokrine Disruptoren in Kosmetika
Jeden jeden Morgen tragen die meisten von uns Dutzende verschiedener Substanzen auf die Haut auf – Gesichtscreme, Deodorant, Shampoo, Zahnpasta, Make-up. Dabei ahnen nur wenige, dass einige dieser Produkte Verbindungen enthalten können, die still und leise in eines der empfindlichsten Systeme des menschlichen Körpers eingreifen – das Hormonsystem. Endokrine Disruptoren in Kosmetika sind ein Thema, das Wissenschaftler bereits seit mehreren Jahrzehnten verfolgen, und dennoch wird darüber im Alltag erstaunlich wenig gesprochen. Es ist Zeit, das zu ändern.
Das endokrine System funktioniert wie ein ausgeklügeltes Kommunikationsnetz. Hormone – chemische Botenstoffe – wandern durch den Blutkreislauf und steuern alles vom Stoffwechsel über die Stimmung bis hin zur Fortpflanzung. Das Problem entsteht, wenn fremde Moleküle in dieses System eindringen, die Hormone nachahmen, blockieren oder deren natürliche Funktion anderweitig stören. Genau diese Substanzen nennen wir endokrine Disruptoren, also Hormonstörer. Und Kosmetika sind eine der häufigsten Quellen für ihre tägliche, wiederholte und lebenslange Aufnahme in den Körper.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist in ihren Berichten wiederholt darauf hin, dass die Exposition gegenüber endokrinen Disruptoren mit einer Reihe von Gesundheitsproblemen in Zusammenhang stehen kann: von Fruchtbarkeitsstörungen über Schilddrüsenerkrankungen bis hin zu bestimmten hormonabhängigen Tumoren. Dabei sind die gefährdetsten Gruppen nicht Erwachsene, sondern schwangere Frauen, Säuglinge und Kinder, deren Hormonsystem sich noch in der Entwicklung befindet.
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Welche Substanzen sind wirklich problematisch?
Wenn von „Chemikalien in Kosmetika" die Rede ist, stellen sich viele eine vage Bedrohung ohne konkretes Gesicht vor. Tatsächlich gibt es jedoch gut dokumentierte Gruppen von Substanzen, deren Vorkommen in Kosmetikprodukten berechtigte Bedenken hervorruft. Ihre Namen zu kennen ist der erste Schritt, damit Verbraucher die Inhaltsstoffe auf der Verpackung lesen und eine informierte Entscheidung treffen können.
Parabene sind wohl die bekanntesten Vertreter endokriner Disruptoren in Kosmetika. Sie werden als Konservierungsstoffe in Cremes, Shampoos, Conditionern und Make-up eingesetzt, da sie das Wachstum von Bakterien und Schimmelpilzen wirksam hemmen. Ihre Namen auf den Etiketten sind leicht zu erkennen: Methylparaben, Ethylparaben, Propylparaben, Butylparaben. Studien, die beispielsweise im Fachjournal Journal of Applied Toxicology veröffentlicht wurden, haben nachgewiesen, dass Parabene die Östrogenaktivität im Körper nachahmen, wobei Butylparaben und Propylparaben die stärkste östrogene Aktivität aufweisen. Die Europäische Union hat zwar die Verwendung einiger Parabene verboten oder eingeschränkt (insbesondere Isobutylparaben und Isopropylparaben), jedoch sind Methylparaben und Ethylparaben nach wie vor zugelassen und werden häufig verwendet.
Ähnlich umstritten ist die Gruppe der Phthalate. Diese Substanzen kommen in Kosmetika am häufigsten als Weichmacher und Duftstoffixatoren vor – und genau deshalb sind sie auf Etiketten so schwer zu entdecken. Hersteller müssen nämlich die Zusammensetzung von Parfümgemischen nicht offenlegen, sodass Phthalate sich hinter der Sammelbezeichnung „parfum" oder „fragrance" verbergen können. Diethylphthalat (DEP), das in Kosmetika am weitesten verbreitet ist, wurde zwar als weniger riskant eingestuft als seine Verwandten (etwa DEHP, das in der EU verboten ist), dennoch deuten einige Studien auf negative Auswirkungen auf das Fortpflanzungssystem hin, insbesondere bei Männern.
Ein weiterer Akteur, über den es sich zu sprechen lohnt, ist Bisphenol A (BPA). Obwohl BPA vor allem mit Kunststoffen in Verbindung gebracht wird, kann es auch in Kosmetikverpackungen und einigen Formulierungen vorkommen. Es handelt sich um eine Substanz mit nachgewiesener östrogener Aktivität, die in der Europäischen Union in einer Reihe von Produkten für Kinder verboten wurde. Studien zeigen, dass BPA durch die Haut eindringt, weshalb sein Vorkommen in Kosmetika nicht zu vernachlässigen ist.
Ein besonderes Kapitel bilden UV-Filter, konkret organische Verbindungen wie Benzophenon-3 (Oxybenzon), 4-Methylbenzylidencampher (4-MBC) oder Octinoxat. Diese Substanzen werden Sonnencremes zugesetzt, aber auch einer Reihe von Tagescremes mit LSF-Schutz, Lippenstiften und Make-up. Studien des National Institutes of Health (NIH) in den USA haben nachgewiesen, dass Oxybenzon nach der Anwendung auf der Haut in messbaren Konzentrationen in den Blutkreislauf aufgenommen wird. Tierversuche deuten zudem auf seine Fähigkeit hin, die Funktion der Schilddrüse und der Fortpflanzungshormone zu stören. Der US-Bundesstaat Hawaii hat Sonnencremes mit Oxybenzon und Octinoxat zum Schutz der Meeresökosysteme verboten – und diese Entscheidung sagt bereits einiges über das Potenzial dieser Substanzen aus, lebende Organismen zu beeinflussen.
Nicht zu vergessen ist auch Triclosan, ein antibakterieller Wirkstoff, der sich noch vor Kurzem in Zahnpasten, Seifen und Deodorants befand. In den USA wurde er von der Food and Drug Administration (FDA) im Jahr 2017 in Handwaschprodukten verboten, kann jedoch in einigen anderen Produkten noch immer vorhanden sein. Triclosan wurde wiederholt mit einer Beeinträchtigung der Schilddrüsenfunktion in Verbindung gebracht und hat unter Laborbedingungen die Fähigkeit gezeigt, den Hormonspiegel zu beeinflussen.
Schließlich gibt es noch die Gruppe der Substanzen, die als synthetische Moschusverbindungen bezeichnet werden (zum Beispiel Galaxolid oder Tonalid), die als Duftstoffe in Parfüms, Waschmitteln und Kosmetika eingesetzt werden. Diese Substanzen reichern sich im Fettgewebe und in der Muttermilch an, wobei Studien ihr Potenzial andeuten, das hormonelle Gleichgewicht zu stören. Als Beispiel aus der Praxis dient die Situation in den skandinavischen Ländern, wo Regulierungsbehörden begonnen haben, diese Substanzen im Rahmen des Monitorings von Chemikalien im menschlichen Körper zu überwachen – und die Ergebnisse zeigten ihre Präsenz bei praktisch allen getesteten Personen, unabhängig vom Alter.
Wie findet man sich zurecht und was kann man tun?
Die Inhaltsstoffe eines Kosmetikprodukts zu lesen kann für einen unkundigen Verbraucher genauso verständlich sein wie das Lesen eines antiken Textes. Dennoch gibt es einfache Werkzeuge und Ansätze, die die Situation erheblich erleichtern.
Die europäische Datenbank für Kosmetikinhaltsstoffe CosIng, die von der Europäischen Kommission verwaltet wird, ermöglicht die Suche nach jedem in Kosmetika enthaltenen Stoff und gibt Auskunft darüber, ob er bestimmten Einschränkungen unterliegt. Ähnlich nützlich ist die App und Website INCI Beauty, die die vom Nutzer eingegebene Zusammensetzung von Kosmetika analysiert und auf potenziell problematische Substanzen hinweist. Diese Werkzeuge sind nicht perfekt, und die wissenschaftliche Debatte über sichere Expositionsgrenzwerte ist noch im Gange, aber als erste Orientierung sind sie zuverlässig.
Wie sieht das in der Praxis aus? Nehmen wir das Beispiel einer Familie mit einem kleinen Kind. Die Eltern verwenden für das Kind Babyshampoo, Körperlotion und Sonnencreme – Produkte, die auf den ersten Blick für die Schwächsten bestimmt sind. Dennoch können sie nach einer einfachen Überprüfung der Inhaltsstoffe auf den oben genannten Plattformen feststellen, dass einige dieser Produkte Parabene oder organische UV-Filter enthalten. Das ist keine Katastrophe, aber eine Information, die es ermöglicht, anders zu wählen.
„Sicherheit bedeutet kein Nullrisiko. Sie bedeutet eine informierte Entscheidung", sagt eine Toxikologin und Autorin eines Buches über Chemikalien im Alltag.
Bei der Auswahl von Kosmetika lohnt es sich, auf Produkte zu achten, die nach ökologischen Standards zertifiziert sind, wie COSMOS Organic, NATRUE oder Ecocert. Diese Zertifizierungen sind zwar keine Garantie für absolute Sicherheit, aber ihre Standards schließen explizit eine ganze Reihe von synthetischen Konservierungsstoffen, Duftstoffkomponenten und anderen potenziell problematischen Substanzen aus. Zertifizierte Natur- und Öko-Kosmetik stellt daher eine praktische Lösung für diejenigen dar, die nicht stundenlang INCI-Bezeichnungen studieren möchten.
Gleichzeitig sei darauf hingewiesen, dass „natürlich" nicht automatisch „sicher" und „synthetisch" nicht automatisch „schädlich" bedeutet. Einige natürliche ätherische Öle können allergisierend wirken, während viele synthetische Substanzen gut erforscht und sicher sind. Der Schlüssel liegt nicht im blinden Vertrauen in das eine oder andere Lager, sondern im kritischen Denken, gestützt auf verfügbare Daten.
Eine wichtige Rolle spielt auch der kumulative Expositionseffekt. Eine einmalige Anwendung einer Creme mit Paraben verursacht keinen messbaren Effekt. Das Problem entsteht, wenn ein Mensch täglich zehn verschiedene Produkte verwendet, die dieselben oder ähnliche Substanzen enthalten, und das über Jahre oder Jahrzehnte hinweg. Genau diese kumulative, chronische Aufnahme ist es, was Wissenschaftler am meisten beunruhigt – und was gleichzeitig in klassischen toxikologischen Studien, die in der Regel die Wirkungen einzelner Substanzen isoliert testen, am schwierigsten zu messen ist.
Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist sich dieses Problems bewusst. Das Konzept des „Cocktail-Effekts" beschreibt die Situation, in der die Kombination mehrerer Substanzen mit geringer individueller Toxizität einen synergistischen Effekt haben kann, der die Summe ihrer individuellen Wirkungen deutlich übersteigt. Untersuchungen der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) auf diesem Gebiet sind noch im Gange, und ihre Ergebnisse fließen nach und nach in die Gesetzgebung ein.
Verbraucher, die ihre Exposition gegenüber endokrinen Disruptoren in Kosmetika minimieren möchten, können einfach beginnen: ihre Kosmetikroutine vereinfachen. Weniger Produkte bedeuten weniger potenzielle Quellen problematischer Substanzen. Ein synthetisches Deodorant durch eine natürliche Alternative zu ersetzen, eine Sonnencreme mit mineralischen UV-Filtern (Zinkoxid, Titandioxid) statt organischen zu wählen oder dort, wo es möglich ist, zu zertifizierter Naturkosmetik zu greifen – das sind Schritte, die weder großen Aufwand noch dramatische Änderungen des Lebensstils erfordern.
Endokrine Disruptoren in Kosmetika sind kein Schreckgespenst, das Panik auslösen soll. Sie sind eine Aufforderung zu mehr Aufmerksamkeit und Informiertheit – und zugleich eine Erinnerung daran, dass das, was wir täglich auf unsere Haut auftragen, bei weitem nicht so neutral ist, wie es scheinen mag. Die Wissenschaft auf diesem Gebiet schreitet schnell voran, die Regulierungen werden strenger und der Markt für sicherere Kosmetika wächst. Verbraucher haben heute mehr Werkzeuge zur Verfügung als je zuvor – und das ist eine gute Nachricht.