Wie Bewegungsarmut still Ihre Gesundheit zerstört
Wir leben in einer Zeit, in der wir Zugang zu mehr Gesundheitsinformationen haben als je zuvor. Wir wissen, was wir essen sollten, wie lange wir schlafen sollten und warum Stress schädlich ist. Und dennoch bewegen sich immer mehr Menschen weniger als ihre Großeltern, die keine Ahnung vom Begriff „Lebensstil" hatten. Experten beginnen für dieses Phänomen einen neuen Begriff zu verwenden – Bewegungsarmut – und was dahintersteckt, ist beunruhigender, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Bewegungsarmut ist nicht nur ein anderes Wort für Faulheit oder mangelnde Willenskraft. Es ist ein systematisches, gesellschaftliches Problem, das als Nebenprodukt des modernen Lebensstils entstanden ist. Bürojobs, Online-Shopping, Streaming-Plattformen, Essenslieferungen bis an die Haustür – jede dieser Annehmlichkeiten bringt uns einen Schritt weiter von der natürlichen Bewegung entfernt, die jahrtausendelang Teil des täglichen menschlichen Lebens war. Und während ein sitzender Lebensstil bis vor Kurzem eher als persönliche Entscheidung betrachtet wurde, bezeichnet die Wissenschaft ihn heute als einen der bedeutendsten Risikofaktoren für eine Vielzahl chronischer Erkrankungen.
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Was bedeutet Bewegungsarmut genau?
Der Begriff „Bewegungsarmut" begann in die Fachliteratur einzudringen als Reaktion auf die Notwendigkeit, etwas zu benennen, was das bloße „sitzende Verhalten" nicht ausreichend beschreibt. Während ein sitzender Lebensstil beschreibt, was wir tun (sitzen), beschreibt Bewegungsarmut, was uns fehlt – nämlich die natürliche, vielfältige und kontinuierliche Bewegung, die unser Körper zum richtigen Funktionieren braucht. Es geht dabei nicht nur darum, ob jemand ins Fitnessstudio geht. Bewegungsarmut kann auch jemanden betreffen, der dreimal pro Woche trainiert, aber den Rest des Tages reglos vor dem Computer verbringt.
Kiro Kiriakidis, ein Experte für Bewegungswissenschaften, brachte es treffend auf den Punkt: „Eine Stunde Training kann acht Stunden Sitzen nicht kompensieren." Diese Erkenntnis verändert grundlegend die Art und Weise, wie wir über Bewegung nachdenken sollten – nicht als einen im Kalender reservierten Block, sondern als einen kontinuierlichen, natürlichen Rhythmus, der den ganzen Tag durchzieht.
Forschungsergebnisse zeigen immer wieder, dass langes Sitzen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit, aber auch für Depressionen und Angstzustände verbunden ist. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass körperliche Inaktivität der viertgrößte Risikofaktor für die globale Sterblichkeit ist – direkt nach Bluthochdruck, Rauchen und hohem Blutzucker. Und dennoch wird über Bewegungsarmut als öffentliches Gesundheitsproblem noch immer viel zu wenig gesprochen.
Stellen Sie sich Martina vor, eine dreiunddreißigjährige Projektmanagerin aus Prag. Jeden Tag steht sie auf, wechselt vom Bett zum Computer, absolviert sechs bis acht Stunden Videoanrufe, geht gelegentlich in die Küche für einen Kaffee und fällt abends auf die Couch. Der Schrittzähler auf ihrem Handy zeigt durchschnittlich 2.800 Schritte pro Tag – etwa ein Drittel des empfohlenen Minimums. Martina hält sich nicht für faul. Sie arbeitet hart, ist produktiv und kümmert sich um ihre Familie. Und dennoch durchläuft ihr Körper jeden Tag das, was Experten als Bewegungsarmut bezeichnen. Ihre Geschichte ist dabei keine Ausnahme – es ist ein immer typischeres Porträt des modernen Menschen.
Warum ist Bewegungsarmut so heimtückisch?
Die Heimtücke der Bewegungsarmut liegt darin, dass sie sich nicht sofort bemerkbar macht. Anders als bei einer akuten Verletzung oder Krankheit kommen ihre Folgen langsam und unbemerkt. Der Rücken beginnt zu versteifen, die Energie nimmt ab, der Schlaf verschlechtert sich, die Stimmung schwankt. Diese Symptome sind so alltäglich, dass die meisten Menschen sie auf Stress, Alterung oder schlechtes Wetter zurückführen – und nicht auf Bewegungsmangel.
Der menschliche Körper ist evolutionär auf Bewegung programmiert. Hunderttausende von Jahren gingen, liefen, kletterten, trugen, beugten und streckten sich unsere Vorfahren als Teil des täglichen Überlebens. Unser Bewegungsapparat, aber auch das Herz-Kreislauf- und Nervensystem sind buchstäblich dafür gebaut, in kontinuierlicher, moderater Bewegung zu sein. Wenn diese Bewegung fehlt, beginnt der Körper zu reagieren – zunächst subtil, dann zunehmend deutlicher. Muskeln schwächen ab, Gelenke versteifen, der Stoffwechsel verlangsamt sich, das Gehirn bekommt weniger mit Sauerstoff angereichertes Blut.
Interessant ist, dass Bewegungsarmut nicht nur Menschen mit Büroberufen betrifft. Paradoxerweise breitet sie sich zunehmend auch unter jungen Menschen aus, die theoretisch die vitalste Bevölkerungsgruppe sein sollten. Eine im JAMA Cardiology veröffentlichte Studie zeigte, dass die körperliche Fitness junger Erwachsener im Alter von 18–30 Jahren schneller abnimmt, als es dem natürlichen Alterungsprozess entsprechen würde – und als Hauptursache identifizierten die Forscher genau den sitzenden Lebensstil kombiniert mit mangelnder kontinuierlicher Bewegung im Laufe des Tages.
Auch Technologien haben ihren Anteil an diesem Trend. Smartphones, Tablets und Smart-TVs sind so konzipiert, dass sie uns so lange wie möglich an einem Ort halten. Algorithmen sozialer Netzwerke belohnen passives Scrollen. Gaming-Plattformen bieten Welten, in die man stundenlang eintauchen kann, ohne eine einzige körperliche Bewegung zu machen. Dabei handelt es sich nicht um eine Verschwörung – es ist schlicht ein Geschäftsmodell, dessen Nebenprodukt unsere körperliche Unbeweglichkeit ist. In diesem Kontext ist Bewegungsarmut weitgehend ein Problem des Designs der Umgebung, in der wir leben, und nicht nur ein individuelles Versagen.
Wie lässt sich Bewegungsarmut im Alltag bekämpfen?
Die gute Nachricht ist, dass Bewegungsarmut kein unausweichliches Schicksal ist. Anders als viele andere Gesundheitsrisiken lässt sie sich ohne teure Medikamente, spezielle Geräte oder radikale Veränderungen des Lebensstils angehen. Der Schlüssel liegt im Verständnis, dass Bewegung nicht intensiv sein muss, um wirksam zu sein – sie muss vor allem regelmäßig und kontinuierlich sein.
Forschungsergebnisse zeigen, dass kurze Bewegungspausen alle dreißig bis sechzig Minuten die negativen Auswirkungen langen Sitzens erheblich mildern können. Es reicht jedoch nicht, aufzustehen und sich wieder hinzusetzen – der Körper braucht zumindest einen Moment echter Bewegung: Dehnen, ein paar Schritte, eine Kniebeuge, Rumpfrotationen. Die sogenannten „Bewegungsmikropausen" erscheinen auf den ersten Blick vernachlässigbar, aber ihr kumulativer Effekt ist wissenschaftlich belegt. Eine Studie der University of Colorado ergab beispielsweise, dass kurze fünfminütige Spaziergänge jede Stunde den Blutzucker nach dem Essen stärker senken als ein einziger dreißigminütiger Spaziergang am Ende des Tages.
Neben dem bewussten Einbauen von Bewegung in den Arbeitstag spielt auch die Umgebung, in der wir leben und arbeiten, eine wichtige Rolle. Ein Stehschreibtisch, Gehen bei Telefonaten, Treppen statt Aufzug, ein Fußweg zum Mittagessen – all das sind kleine architektonische und gewohnheitsmäßige Veränderungen, die die gesamte Bewegungsbilanz erheblich verbessern können. Dänen und Niederländer, die zu den aktivsten Nationen Europas gehören, zeichnen sich nicht unbedingt durch sportliche Begeisterung aus, sondern weil ihre Städte und Kultur so ausgerichtet sind, dass Bewegung ein natürlicher Bestandteil des Tages ist – Fahrräder als primäres Verkehrsmittel, Fußgängerzonen, kürzere Entfernungen.
Ein wichtiger Bestandteil der Bekämpfung von Bewegungsarmut ist auch die Wahl von Produkten und Hilfsmitteln, die Bewegung fördern oder zumindest nicht hemmen. Ergonomische Arbeitsplatzausstattung, qualitatives Schuhwerk für den täglichen Gang, natürliche Materialien in der Kleidung, die nicht drückt oder die Bewegung einschränkt – all das trägt dazu bei, dass Bewegung angenehm und damit nachhaltig ist. Wie bei gesunder Ernährung oder einem ökologischen Lebensansatz gilt: Nachhaltige Veränderung entsteht nicht aus dem Willen, durchzuhalten, sondern aus der Schaffung von Bedingungen, in denen die richtige Wahl die bequemste ist.
Eine interessante Rolle spielen auch Aktivitäten in der Natur. Spaziergänge im Wald, Gartenarbeit, Fahrradausflüge – diese scheinbar einfachen Aktivitäten verbinden Bewegung mit weiteren nachgewiesenen Vorteilen für die psychische Gesundheit. Eine in der Zeitschrift Nature veröffentlichte Studie bestätigte, dass Menschen, die mindestens zwei Stunden pro Woche in der Natur verbringen, eine deutlich bessere subjektive Gesundheit und Wohlbefinden aufweisen als jene, die überwiegend in Innenräumen bleiben. Die Natur fungiert also als doppeltes Heilmittel – gegen Bewegungsarmut und gegen den chronischen Stress, der sie häufig begleitet.
Bewegungsarmut betrifft auch Kinder, und zwar auf eine Weise, die langfristige Folgen haben kann. Kinder, die einen Großteil des Tages vor Bildschirmen verbringen und wenig Zeit mit freiem Spiel im Freien haben, entwickeln keine natürlichen Bewegungsmuster, die die Grundlage eines gesunden Bewegungsapparats im Erwachsenenalter bilden. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, dass Kinder im Alter von 5–17 Jahren mindestens 60 Minuten mäßig intensive körperliche Aktivität pro Tag haben sollten – die Realität in vielen Industrieländern liegt dabei deutlich unter dieser Grenze.
Letztlich ist Bewegungsarmut auch eine Frage der kulturellen Einstellung zu Körper und Bewegung. In vielen Gesellschaften wird Bewegung nach wie vor als Mittel zur Erreichung eines bestimmten Aussehens oder einer bestimmten Leistung betrachtet – wir nehmen ab, um besser auszusehen, wir laufen, um unsere Zeit zu verbessern. Diese Einstellung instrumentalisiert Bewegung und entzieht ihr die natürliche Freude. Eine alternative Sichtweise, die beispielsweise skandinavische Konzepte wie das norwegische friluftsliv (freie Übersetzung: Leben in der freien Natur) vertreten, betrachtet Bewegung als Wert an sich – als eine Art, in der Welt zu sein, und nicht als Mittel zu einem anderen Zweck.
Bewegungsarmut ist also weit mehr als ein modischer Begriff. Es ist ein Spiegel, den uns die moderne Zeit vorhält, und das Bild darin ist nicht besonders schmeichelhaft. Aber anders als viele andere Probleme der Gegenwart ist es ein Problem, mit dem jeder von uns noch heute beginnen kann, etwas zu tun – vielleicht indem er vom Schreibtisch aufsteht, das Fenster öffnet und ein paar Schritte macht. Der Körper erinnert sich daran. Und allmählich wird er mehr verlangen.