Antidepressiva in Kombination mit Psychotherapie erzielen die besten Ergebnisse bei der Behandlung v
Jeder fünfte Tscheche wird im Laufe seines Lebens mit einer Depression konfrontiert. Und obwohl diese Krankheit heute eine der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit in Europa ist, ranken sich nach wie vor zahlreiche Mythen und Missverständnisse um sie – insbesondere wenn es um ihre Behandlung geht. Antidepressiva, Medikamente, die die Lebensqualität von Millionen Menschen grundlegend verbessern können, sind häufig Gegenstand von Bedenken, Ängsten und manchmal sogar Dämonisierung. Manch einer fürchtet, davon abhängig zu werden. Ein anderer glaubt, sie würden ihn zu einem „anderen Menschen" machen. Und wieder andere lehnen ärztliche Hilfe ab, weil sie meinen, sie müssten allein zurechtkommen. Was sollten wir also über Antidepressiva wissen, bevor wir uns eine endgültige Meinung darüber bilden?
Es lohnt sich, einen Blick auf die Fakten zu werfen – darauf, wie diese Medikamente tatsächlich wirken, was die Wissenschaft über ihre Sicherheit sagt und warum es wichtig ist, eine offene und informierte Diskussion darüber zu führen. Denn gerade der Mangel an Informationen ist es, der Menschen am häufigsten von einer wirksamen Behandlung abhält.
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Wirkmechanismus von Antidepressiva: Was passiert im Gehirn
Um zu verstehen, warum und wie Antidepressiva wirken, muss man zumindest einen kurzen Blick darauf werfen, was bei einer Depression im Gehirn geschieht. Das Gehirn kommuniziert über chemische Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter – zu den wichtigsten in Bezug auf die Stimmung gehören Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Bei einem Menschen, der an einer Depression leidet, ist das Gleichgewicht dieser Substanzen gestört. Dabei handelt es sich nicht um die einfache Gleichung „zu wenig Serotonin = Depression", wie es manchmal vereinfacht dargestellt wird. Die moderne Neurowissenschaft versteht Depression als eine komplexe Störung, die Veränderungen in der Kommunikation zwischen Nervenzellen, in der Neuroplastizität des Gehirns und in der Regulation der Stressantwort umfasst. Dennoch bleibt die Beeinflussung der Neurotransmittersysteme der zentrale Mechanismus, durch den Antidepressiva helfen.
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, bekannt unter der Abkürzung SSRI, sind heute die am häufigsten verschriebene Gruppe von Antidepressiva. Dazu gehören beispielsweise Fluoxetin, Sertralin oder Escitalopram. Ihr Wirkmechanismus besteht darin, dass sie die Wiederaufnahme von Serotonin aus dem Interzellularraum (synaptischer Spalt) zurück in die Nervenzelle, die es freigesetzt hat, blockieren. Das Ergebnis ist, dass Serotonin länger im synaptischen Spalt verbleibt und die empfangende Nervenzelle wirksamer stimulieren kann. Ähnlich wirken SNRI (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer), wie Venlafaxin oder Duloxetin, die neben Serotonin auch Noradrenalin beeinflussen.
Es gibt aber auch weitere Gruppen. Ältere trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin, Imipramin) wirken gleichzeitig auf mehrere Neurotransmittersysteme, was sie zwar wirksam macht, aber zugleich ein größeres Risiko für Nebenwirkungen mit sich bringt. Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer) wiederum verhindern den Abbau von Neurotransmittern durch das Enzym Monoaminooxidase und erhöhen so deren Verfügbarkeit. Und dann gibt es neuere Medikamente wie Bupropion, das vor allem Dopamin und Noradrenalin beeinflusst, oder Mirtazapin, das einen spezifischen Wirkmechanismus an den Rezeptoren hat.
Was wichtig zu verstehen ist: Antidepressiva wirken nicht sofort. Im Unterschied zu Anxiolytika, die innerhalb von Minuten Linderung bringen können, benötigen Antidepressiva in der Regel zwei bis sechs Wochen, bis sich ihre volle Wirkung entfaltet. Das liegt nicht daran, dass sie „nicht funktionieren", sondern daran, dass ihre therapeutische Wirkung von schrittweisen adaptiven Veränderungen im Gehirn abhängt – vom Umbau der Rezeptoren, der Stärkung synaptischer Verbindungen und der Förderung der Neuroplastizität. Gerade diese Tatsache ist einer der Hauptgründe, warum Patienten die Behandlung vorzeitig abbrechen. Das Warten auf die Wirkung ist frustrierend, besonders wenn man leidet. Aber gerade in dieser Phase ist die Zusammenarbeit mit dem Arzt absolut entscheidend.
Wie Professor Guy Goodwin, ehemaliger Präsident der Europäischen Psychiatrischen Gesellschaft, bemerkte: „Antidepressiva sind nicht perfekt, aber für viele Menschen stellen sie den Unterschied dar zwischen einem Leben im Leiden und einem Leben, das es wert ist, gelebt zu werden."
Ist die Einnahme von Antidepressiva sicher?
Die Frage der Sicherheit einer Behandlung mit Antidepressiva ist wahrscheinlich die häufigste, die sich Menschen stellen – und das zu Recht. Jedes Medikament hat seine Nebenwirkungen, und Antidepressiva bilden da keine Ausnahme. Wichtig ist jedoch, diese Risiken in den richtigen Kontext zu setzen und sie mit den Risiken einer unbehandelten Depression zu vergleichen.
Zu den häufigsten Nebenwirkungen von SSRI gehören Übelkeit, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder umgekehrt erhöhte Schläfrigkeit, sexuelle Dysfunktion und Gewichtszunahme. Die meisten dieser Beschwerden sind in den ersten Tagen bis Wochen der Behandlung am stärksten ausgeprägt und klingen allmählich ab. Sexuelle Dysfunktion gehört leider zu jenen Nebenwirkungen, die während der gesamten Einnahmedauer bestehen bleiben können, und ist einer der häufigsten Gründe, warum Patienten die Behandlung beenden möchten. In solchen Fällen kann der Psychiater einen Wechsel des Präparats vorschlagen – nicht alle Antidepressiva haben diese Nebenwirkung im gleichen Ausmaß.
Häufig wird die Sorge geäußert, ob Antidepressiva eine Abhängigkeit erzeugen. Die Antwort der Fachleute ist ziemlich eindeutig: Antidepressiva machen nicht süchtig in dem Sinne, wie es beispielsweise Benzodiazepine oder Opiate tun. Sie erzeugen kein Verlangen (Craving) und keine Notwendigkeit, die Dosis zu erhöhen, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Was sie jedoch verursachen können, ist das sogenannte Absetzsyndrom – eine Reihe von Symptomen (Schwindel, Reizbarkeit, „elektrische Schläge" im Kopf, Übelkeit), die bei abruptem Abbruch der Behandlung auftreten. Genau deshalb sollten Antidepressiva niemals von einem Tag auf den anderen abgesetzt werden, sondern immer schrittweise und unter ärztlicher Aufsicht. Dieses Absetzsyndrom wird manchmal fälschlicherweise mit Abhängigkeit verwechselt, ist aber aus pharmakologischer Sicht ein anderes Phänomen.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Thema Antidepressiva bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) gab 2004 eine Warnung heraus, dass einige Antidepressiva bei Personen unter 25 Jahren in der Anfangsphase der Behandlung das Risiko für Suizidgedanken erhöhen können. Diese Warnung ist ernst zu nehmen, muss aber zugleich im Kontext verstanden werden: In Fachzeitschriften veröffentlichte Meta-Analysen zeigen, dass Antidepressiva bei erwachsenen Patienten das Suizidrisiko senken und nicht erhöhen. Bei jüngeren Patienten ist eine sorgfältige Überwachung in den ersten Wochen der Behandlung entscheidend.
Die Sicherheit einer Behandlung mit Antidepressiva hängt auch von Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten ab. Beispielsweise kann die Kombination von SSRI mit bestimmten Schmerzmitteln (Tramadol), mit Triptanen gegen Migräne oder mit anderen serotonergen Substanzen in Extremfällen zu einem potenziell gefährlichen Serotonin-Syndrom führen – einem Zustand, bei dem zu viel Serotonin im Gehirn vorhanden ist. Daher ist es absolut entscheidend, dass der Patient seinen Arzt über alle Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel informiert, die er einnimmt, einschließlich scheinbar harmloser Präparate wie Johanniskraut, das erhebliche Wechselwirkungen mit einer Reihe von Antidepressiva aufweist.
Und dann gibt es eine Frage, die sich kaum jemand stellt, die aber nicht weniger wichtig ist: Welche Risiken birgt eine unbehandelte Depression? Depression ist nicht nur „schlechte Laune". Es ist eine Erkrankung, die das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht, das Immunsystem schwächt, Beziehungen und die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt und im schlimmsten Fall zum Suizid führt. Laut der Weltgesundheitsorganisation ist Depression weltweit eine der Hauptursachen für Behinderung. Bei der Bewertung der Sicherheit von Antidepressiva müssen daher immer die Risiken der Behandlung mit den Risiken dessen verglichen werden, was geschieht, wenn ein Mensch keine Behandlung erhält.
Stellen wir uns eine konkrete Situation vor. Frau Markéta, eine vierzigjährige Lehrerin aus Brünn, litt zwei Jahre lang an einer unbehandelten Depression. Nach und nach hörte sie auf, spazieren zu gehen, schränkte den Kontakt zu Freunden ein, ihre Arbeitsleistung sank und ihre Beziehung zu ihrem Partner stand kurz vor dem Zerbrechen. Als sie schließlich einen Psychiater aufsuchte und begann, Escitalopram einzunehmen, fühlte sie sich in den ersten zwei Wochen schlechter – sie litt unter Übelkeit und verstärkter Angst. Ihr Arzt hatte sie jedoch im Voraus auf diese anfänglichen Beschwerden vorbereitet, sodass sie die Behandlung nicht aufgab. Nach sechs Wochen begann sie eine allmähliche Besserung zu spüren. Nach drei Monaten kehrte sie zu Aktivitäten zurück, die ihr früher Freude bereitet hatten. Nach einem Jahr stabiler Behandlung begann sie mit ihrem Arzt, ein schrittweises Absetzen zu planen. Ihre Geschichte ist keine Ausnahme – sie ist typisch für Millionen von Menschen, denen Antidepressiva geholfen haben, zu einem erfüllten Leben zurückzukehren.
Wichtig ist auch zu erwähnen, dass Antidepressiva nicht die einzige Komponente der Behandlung sein sollten. Studien bestätigen wiederholt, dass der wirksamste Ansatz bei der Behandlung mittelschwerer und schwerer Depressionen die Kombination aus Pharmakotherapie und Psychotherapie ist, insbesondere der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Medikamente helfen, die Neurochemie des Gehirns so weit zu stabilisieren, dass der Patient in der Lage ist, aktiv an der Veränderung von Denkmustern und Gewohnheiten im Rahmen der Therapie zu arbeiten. Das eine ohne das andere kann zwar funktionieren, aber zusammen wirken sie deutlich besser – ähnlich wie bei der Behandlung von Diabetes, wo Insulin allein ohne Anpassung des Lebensstils keine ideale Lösung darstellt.
Nicht unerwähnt bleiben darf auch die Rolle des Lebensstils. Regelmäßige Bewegung, guter Schlaf, eine ausgewogene Ernährung reich an Omega-3-Fettsäuren, Einschränkung des Alkoholkonsums und der Aufbau sozialer Bindungen – all dies sind Faktoren, die nachweislich den Verlauf einer Depression beeinflussen und die Wirksamkeit einer antidepressiven Behandlung steigern können. Es geht nicht darum, Medikamente durch einen Spaziergang im Park zu ersetzen, sondern darum, einen ganzheitlichen Ansatz zu schaffen, bei dem sich die einzelnen Komponenten gegenseitig verstärken.
Wenn sich ein Mensch entscheidet, ob er Antidepressiva einnehmen soll, sollte er einige praktische Dinge wissen. Erstens: Die Auswahl des richtigen Medikaments kann eine Weile dauern. Nicht jedes Präparat passt auf Anhieb zu jedem Patienten. Der Psychiater muss möglicherweise zwei oder drei verschiedene Medikamente ausprobieren, bevor er dasjenige findet, das das beste Verhältnis von Wirksamkeit und Verträglichkeit bietet. Zweitens: Die Behandlung einer Depression ist ein Langstreckenlauf. Die empfohlene Mindestdauer der Einnahme von Antidepressiva nach dem Abklingen der Symptome beträgt sechs bis neun Monate, bei wiederkehrenden Depressionsepisoden kann sie auch länger sein. Vorzeitiges Absetzen ist eine der häufigsten Ursachen für einen Rückfall. Drittens: Die Entscheidung über die Behandlung sollte immer das Ergebnis eines Dialogs zwischen Patient und Arzt sein – sie sollte niemals eine einseitige Anordnung sein und auch keine Entscheidung, die auf der Grundlage von Ratschlägen aus Internetforen getroffen wird.
Die Welt der Psychiatrie entwickelt sich zudem ständig weiter. In den letzten Jahren haben neue Ansätze zur Behandlung von Depressionen große Aufmerksamkeit erregt, wie etwa Esketamin (ein Nasenspray, das zur Behandlung therapieresistenter Depressionen zugelassen ist) oder die Erforschung von Psychedelika, konkret Psilocybin, in einem kontrollierten therapeutischen Umfeld. Diese Ansätze sind bisher nicht allgemein verfügbar und ihr Platz in der klinischen Praxis wird erst noch definiert, aber sie zeigen, dass die Wissenschaft ständig nach besseren und gezielteren Wegen sucht, um Menschen mit Depressionen zu helfen.
Die Angst vor Antidepressiva ist verständlich – schließlich handelt es sich um Medikamente, die das komplexeste Organ des menschlichen Körpers beeinflussen. Aber eine informierte Angst ist etwas anderes als eine Angst, die auf Mythen basiert. Antidepressiva sind keine Wunderpillen, die alle Lebensprobleme lösen. Aber sie sind auch keine gefährlichen Drogen, die einen Menschen zum Zombie machen. Sie sind Instrumente der modernen Medizin, die bei richtiger Anwendung, unter fachärztlicher Aufsicht und in Kombination mit weiteren therapeutischen Ansätzen Menschen, die an einer der am weitesten verbreiteten Krankheiten unserer Zeit leiden, entscheidend helfen können. Und genau darum – um Hilfe und um Hoffnung – sollte es in jeder Diskussion über psychische Gesundheit in erster Linie gehen.